Die bewegende Geschichte der St. Simplicius Stadtkirche Bad Salzungen

 

Am 1. Advent 1998 konnte die Stadtkirche nach der letzten Innenerneuerung wieder eingeweiht werden. Ein heller Kirchenraum in Anlehnung an die Erneuerung der Jahre 1908/09 erfreut seit dem die Gemeindeglieder. Sich über Jahre erstreckende kostenintensive Vorarbeiten am Äußeren und Inneren der Kirche kamen zum guten Abschluss – eine 3/4 Million DM. Es war die 15. nachweisbare Renovierung unseres Gotteshauses.

Eine erste Kirche auf dem Burgberg in Salzungen ist im Jahr 1112 nachweisbar. Der Bau wurde von der Reichsabtei Fulda angeregt, die damals viele Besitzungen in unserer Stadt hatte. Von daher erklärt sich auch der Name „Simplicius“. Dieser Märtyrer, der um 300 mit seinen Geschwistern sein Leben lassen musste, wurde in Fulda sehr verehrt. Noch nach der Einführung der Reformation lesen wir vom Simpliciuspfarramt.

Bis zum Jahr 1295 waren die Frankensteiner die Patronatsherren, dann folgten bis 1528 die Pröpste des Klosters Allendorf. In den Akten des Klosters finden wir ein Schreiben, das um Spenden für die Kirche bittet. Es wird von eingestürzten Mauern berichtet. Deshalb musste das Gotteshaus im Jahr 1380 neu errichtet werden. Vermutlich wurde es im gotischen Stil erbaut. Die Grundmauern blieben bis zum Stadtbrand 1786 durch alle Beschädigungen hindurch erhalten. Nebenaltäre wurden aufgestellt, die von Vikaren mit selbstständigen Stiftungen – Vikarien – betreut wurden. Der Altar der Maria Magdalena ist schon vor diesem Neubau nachweisbar.

Nach der Einführung der Reformation 1523/24 setzte eine rege Bautätigkeit ein, besonders in den Jahren 1578/79. Eine Predigtkirche musste geschaffen werden. Der Stadtrat übernahm das Patronat. Nur die erste Pfarrstelle – ab 1657 zugleich Superintendentenstelle – hatte sich der sächsische Herzog vorbehalten. Grundbesitz, Kapital und Naturalabgaben im sogenannten Kirchkasten verwalteten im Auftrag der Stadt zwei relativ unabhängige Männer, die die Ausgaben für Kirchen- und Schulgebäude und deren Angestellte und für die Armenpflege betätigten.

Im Dreißigjährigen Krieg plünderten 1634 kaiserlich-kroatische Soldaten die Stadt und verwüsteten die Kirche. Im folgenden Jahr brach die Pest aus. Der Friedhof auf dem Kirchplatz musste wieder benutzt werden. 1640 zündeten die Schweden die Stadt an. Ein Drittel aller Wohnhäuser und auch die Kirche wurden Opfer der Flammen. Drei Jahre musste der Gottesdienst in den Räumen der Burg gehalten werden. 1643 konnte das Kirchenschiff, 1653 der Kirchturm wieder fertig gestellt werden.

Der große Stadtbrand von 1786

Am 05.11.1786 fiel das Gotteshaus wiederum einem Großbrand zum Opfer. Sogar die Glocken zerschmolzen in der Gluthitze und die ganze Oberstadt brannte nieder.

Am 3. Advent 1791 wurde das im klassizistischen Stil neu erbaute Gotteshaus eingeweiht.

In den Jahren 1908/09 erfolgte ein durchgreifender Umbau. Eine vom Meiniger Herzog Georg II unter der Beratung von Max Reger geschenkte Orgel der Firma Sauer aus Frankfurt/Oder und eine gewölbte Kirchendecke prägen fortan das Innere der Stadtkirche. Auch wurden zu beiden Seiten der Orgel bleiverglaste Fenster eingebaut. Sie zeigten die Bildnisse der beiden ersten Kantoren, Müller und Mühlfeld, des berühmten Salzunger Knaben- und Männerchores.

Die Neuausmalung des Jahres 1925 übertünchte größtenteils die im Jugendstil durchgeführte Erneuerung. Seit dem war an der Brüstung vor der Orgel das Wort Jesu zu lesen: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“. Bei der Ausmalung im Jahr 1958 wurde es überstrichen. Man brachte links und rechts vom Altar die Bildnisse von Christophorus und dem Erzengel Michael an der Wand an. Die Erneuerung 1998 nach dem Vorbild des Jugendstiles beseitigte auch sie wieder.

Durch die Bombardierung eines Munitionszuges im Frühjahr 1945 auf dem Güterbahnhof wurden die Kirchenfenster stark beschädigt und mussten erneuert werden.

Jahre vor dem Zweiten Weltkrieg nahm man die eisernen Öfen aus der Kirche und baute eine Warmluftheizung ein, die nach der Wende auf Gas umgestellt wurde.

Die Glocken unserer Stadtkirche

Um die Mitte des 9. Jahrhunderts – in einer Zeit, in der die Kirchen noch aus Holz gebaut wurden, – war der Gebrauch von Glocken allgemein üblich.

Die älteste Glocke auf unserem Turm ist die kleine Glocke. Mönche aus Reinsdorf in der Nähe von Artern an der Unstrut haben sie im 14. Jahrhundert mit einem Gewicht von fast 12 Zentnern gegossen. Die Kirchgemeinde Salzungen kaufte diese Marienglocke – Ave Maria gratia plena – mit der Tonhöhe gis zur Ergänzung des Geläutes im Jahr 1922 an.

Damals nach dem Ersten Weltkrieg war im Turm nur noch die mittlere Glocke vorhanden, die 1791 mit einem Gewicht von 20 Zentnern von Christoph Peter aus Homburg in Hessen aus den Überresten der bei dem großen Stadtbrand des Jahres 1786 zerstörten Glocken, gegossen worden war. In einer Inschrift auf der Glocke wird diese Entstehungsgeschichte festgehalten und eine Segensbitte ausgesprochen: „… dass ich den Einwohnern Salzungens in Freud und Leid diene.“

Im Jahr 1942 im Zweiten Weltkrieg holte man diese wertvolle Bronzeglocke zusammen mit der großen Glocke vom Turm. Das Ende des Krieges bewahrte die mittlere Glocke vor dem Einschmelzen. Aus dem Glockenlager in Hamburg kehrte sie 1950 auf den Turm zurück.

Die beiden Weltkriege bestimmten auch das Schicksal der großen Glocke. Erstmals 1851 gegossen, wurde sie ein Opfer des Ersten Weltkrieges. Im Jahr 1924 zum Gedächtnis der Gefallenen von der Glockengießerei Schilling in Apolda mit einem Gewicht von 32 Zentnern neu geschaffen, holte man sie 1942 für Kriegszwecke vom Turm.

Nach der Innenerneuerung der Stadtkirche im Jahr 1958 sammelte die Kirchgemeinde für eine neue große Bronzeglocke. Damals kostete sie 25.000 Mark, davon waren 12.000 Mark Materialkosten. Der Neuguss wurde am 29.01.1964 unter Anwesenheit einzelner Kirchenältester in Apolda ausgeführt. Im Beisein von Landesbischof D. Mitzenheim konnte die 40 Zentner schwere Glocke in einem Festgottesdienst am 02.08.1964 in Benutzung genommen werden. Zwei Bibelworte stehen auf ihr zu lesen: Die Jahreslosung von 1962 aus Nehemia 8, 10: „Bekümmert euch nicht; denn die Freude am Herrn ist eure Stärke“. Außerdem das Bibelwort aus 1. Thessalonicher 5, 16-18a: „Seid allezeit fröhlich, betet ohne Unterlass, seid dankbar in allen Dingen“.

Somit war das Bronzegeläut mit dem Dreiklang „cis – e – gis“ wieder vollständig.

Die Türmerwohnung

Bis zum Ende der zwanziger Jahre unseres Jahrhunderts wohnte Frau Börner mit ihren Kindern als Türmerin auf dem Salzunger Kirchturm. Sie war neben dem Kirchen- und Läutedienst auch als Feuerwache eingesetzt.

Verpflichtende Tradition – Kirchenmusik in Bad Salzungen

Wussten Sie schon, dass von Bad Salzungen aus die Kirchenmusik in Deutschland eine neue Prägung erhielt? Es begann im Jahre 1860. Der damalige Erbprinz Georg von Sachsen-Meiningen und spätere Herzog war mit seiner Familie zur Kur in Bad Salzungen. Regelmäßig besuchte er den sonntäglichen Gottesdienst in der Stadtkirche. Als er hierbei die Darbietungen des hiesigen Kirchenchores unter seinem Kantor, dem Lehrer Bernhard Müller, hörte, war er überrascht, was hier an hoher Kunst des A-cappella-Gesanges geboten wurde. Das stand im Gegensatz zur üblichen Kirchenmusik dieser Zeit. Besonders beeindruckten ihn die vortrefflich geschulten Knabenstimmen.

Beeindruckende Chorarbeit

Der Erbprinz verpflichtete Müller mit seinem Chor zu einem „Adventskonzert“ am 12. Dezember 1860 in die Stadtkirche zu Meiningen. Das Programm bestand vorzugsweise aus A-cappella-Chören der alten Meister. Ein von Georg bestellter Sonderzug brachte den Chor von Salzungen nach Meiningen. Die Kirche war überfüllt und die Zuhörer standen in den Gängen. Die herzogliche Familie, alle Mitglieder der Hofkapelle und des Hoftheaters waren zugegen. Dieses Konzert hinterließ einen überwältigenden Eindruck. Georg hatte sofort erkannt, welch große Möglichkeiten in dem Chor und seinem Kantor steckten. Zunächst schickte Georg seinen Kantor Müller zum Studium nach Berlin, Leipzig, Dresden und München, später nach Rom, um dort den Gesang der großen Chöre zu studieren. Müller arbeitete mit seinem Chor sehr intensiv. Das Ergebnis konnte sich hören lassen.

Bald begab sich der Chor auf große Konzertreisen in alle Großstädte Deutschlands. Sie führten u.a. bis Wiesbaden, Frankfurt, Mannheim, Regensburg, Darmstadt und weitere bekannte Städte. Namen mit Rang und Adel, wie die Kaiserin von Russland, waren Hörer dieses besonderen Chores. Der Ruf war bis Bayreuth zu Richard Wagner gedrungen, der den Salzunger Chor zu einer Parsifal-Aufführung gewinnen wollte. Aus der Reise wurde leider nichts, da das Schulamt eine immerhin vierwöchige Abwesenheit der Knabenstimmen vom Heimatort ablehnte. Nach einem Konzert in Meiningen verstarb Bernhard Müller im Jahre 1883 ganz plötzlich. Sein Wirken hatte in der Kirchenmusik Spuren hinterlassen. Chöre hatten sich gegründet und die Salzunger Singart übernommen. Seine beiden Nachfolger Christian Mühlfeld und Julius Meininger setzten diese gewaltige Arbeit fort. Doch durch den Zweiten Weltkrieg musste die Struktur des Chores geändert werden.

Diese Arbeit wird heute unter anderen Bedingungen weitergeführt. Als ökumenische Stadtkantorei gibt es heute wieder einen leistungsstarken Chor, der durch Singen im Gottesdienst, durch Chormusiken und die Aufführungen der großen Oratorien gemeinsam mit dem Motettenchor weit über die Stadt hinaus bekannt ist.

Die berühmte  Regerorgel von1909

Auch die Orgel der Stadtkirche gehört in diese reiche Musiktradition. Georg II schenkte der Kirchgemeinde dieses besondere Instrument als Dank für die hervorragende Kirchenmusik. Das 1909 erbaute Werk wurde von Wilhelm Sauer nach den Vorstellungen von Max Reger und seinem Freund Karl Straube geschaffen. Es handelt sich hier um ein einmaliges und unverändertes Orgelwerk aus der Klangwelt der Romantik. Orgeln dieser Zeit wurden in der Regel verändert oder durch andere Instrumente ersetzt, weil sich die Klangvorstellungen verändert hatten. Heute weiß man, wie wichtig und wertvoll es ist, solche Instrumente zu besitzen und zu erhalten. Nur auf ihnen lassen sich Orgelwerke aus dieser Musikepoche gültig darstellen.

Nach der Ausreinigung, die Wolfgang Plodek mit seinen Orgelfreunden vornahm und der Instandsetzung durch die Orgelbaufirma Scheffler, gewinnt dieses wertvolle Instrument immer mehr Interesse im In- und Ausland. CD-Aufnahmen, eingespielt vom Gewandhausorganisten Michael Schönheit, Fernsehinformationen und Orgelkonzerte internationaler Spitzenorganisten belegen die besondere Bedeutung dieses Orgelwerkes, unserer „REGER-ORGEL“.

 

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